Donnerstag, 8. August 2019

Das „Denken“ des Nichtdenkenden

Das „Denken“ des Nichtdenkenden

...oder „Wie passe ich (eigentlich) nicht in eine Gemeinschaft“

Durch Gefühle, Neigungen und gesellschaftlich vorgegebene Denkmuster meist schnell getroffene Entscheidungen sind an der Tagesordnung des Nichtdenkenden. Er hat mal gute Tage: ist wohlwollend anderen begründeten Denkpositionen und Prämissen gegenüber eingestellt, hört Argumenten zu und wirkt verständig. (Auffällig ist: Der Nichtdenkende setzt keine fundierten Argumente entgegen.)
In der Regel hat er aber schlechte Tage: zeigt Abneigung gegen (Nach)denken und Argumente, klinkt sich schnell aus oder ist missmutig, weil Denken als anstrengend begriffen wird.

Das Ergebnis ist immer dasselbe, egal ob gute oder schlechte Zeiten.
Begründete Argumente oder ethische Grundlagen werden nicht verstanden und behalten oder auf andere gleichgelagerte Fälle übertragen. Merkbar ist das immer dann: Kommt es zu ähnlichen Grundsatzdiskussionen, zu schon öfter dargelegten Prämissen und begründeten Positionen, ist alles wieder vergessen. Eine Diskussion startet wieder am alten Punkt und beginnt nicht auf Basis der bereits schon dargelegten Prämissen und Argumente. Auch eine Erinnerung daran fruchtet nichts.


Alles wieder auf Anfang! Erinnerungsproblem oder grundsätzliches Problem?
Eine eingeschränkte Merk- und Erinnerungsfähigkeit wäre als Erklärung möglich. Abgesehen von pathologischen Formen ist das Problem zu verbreitet, um Ausnahme zu sein. Folgende Persönlichkeitsauffälligkeiten zeigen sich:
Bereits in frühen Jahren wird ein unkontrolliertes, unhinterfragtes Denken (Verdummung) geschult. Eltern und Umfeld indoktrinieren oder verlangen ihren Kindern nicht ab, ihr Tun zu reflektieren und Gründe zu finden, die dann in der Gemeinschaft diskutiert und auf die Prämissen hinterfragt werden. Ein zu früher Bildungsabbbruch ist oft ebenfalls ein Grund, warum das Nichtdenken konserviert wird.


Ich-Folgen
Der Nichtdenkende ist offen für eingeschliffene Denkmuster und Verhaltensweisen.
Tägliche Routinen und die immerwährend gleichen „Denk“muster führen zu einer Einengung des Tuns: rekurrieren auf bereits bestehende, vorgegebene Arbeits- und Lebensweisen, immer dieselben Informationsquellen. Eine Verstandortung findet nur insofern statt, als man sich auf Basis einfacher Gefühlsregungen und des Grundgedankens, Gleichgesinnte zu finden, zusammentut.
Der Nichtdenkende stellt sein Denken/Verhalten nicht zur Disposition, sucht keine Andersdenkenden, Kritiker. Er ist nicht imstande, eigenes Verhalten/Handeln und das anderer kritisch auf die Entscheidungsbasis zurückzuführen. Entscheidungen beruhen dann rein auf Kurzschlüssen, Emotionen, durch Gewohnheit und Sozialisierung gelernte/eingetrichterte Regeln, Lebensweisen und Moralvorstellungen. Handlung und Verhalten sind reaktiv.
→ Über grundlegende Positionen nachzudenken wird erst gar nicht erstrebt oder als unnötig anstrengend oder sinnlos empfunden. Zeitgleich findet ein Rückzug in Egozentrik (Ich tue, was mir gut tut. Ich tue, was meiner Art entspricht. Ich bin eben so. Ich will akzeptiert werden, wie ich bin.) statt.


Gesellschaftliche Folgen
Eine Verstandortung findet in der Gesellschaft – qua Mensch als öffentliches Wesen – zwar statt, aber passiv: durch Erziehung, Sozialisierung, durch gesellschaftlich normierte Denkmuster, durch gleichgesinnte „peer groups“ und sonstiges gleichgestimmtes Umfeld. Eine aktive Positionierung (erzwungene Stellungnahme durch Nachfragen und Begründungszwang) führt immer zu den erlernten und gepflegten Denk- und Handlungsreflexen und werden gern durch passende Gruppen in den (social) medias weiter genährt und immer wieder bestärkt.
In einer empfundenen Sinnkrise geben dem Nichtdenkenden die in der Gesellschaft vorgelebten, akzeptierten Lösungen Halt und immer wieder Rückbestätigung, vor allem ist Priorisierung gesellschaftlicher Normzwänge (etwa Lohnarbeit) zu beobachten.
Aus dieser Perspektive kann diese Grundeinstellung je nach Sozialisierung (vermeintlich) Positives (also als gesellschaftlich oder gefühlt „Gutes“) hervorbringen, rein reflexhaft: Nettigkeit, Hilfe für andere… Oder eben das Gegenteil: Verweigerung von Hilfe, Unfreundlichkeit oder Rekurrieren auf eigenen Nutzen. Alles ergibt sich aus einem undurchdachten, gefühlten Selbstverständnis heraus.

=> In der Folge werden alle Lebensbereiche vom Nichtdenken beherrscht: im gesellschaftlichen Status als oft stolze Arbeitsbiene (Kapitalismus), in der Freizeit als "Leben" verkannte Verlustierung (Motto „Spaß haben“) und im privaten Kontakt als wohl empfundene Gleichgesinnung mit anderen Nichtdenkenden (Rückbestätigung der internalisierten Denk- und Verhaltensmuster).


Reaktionen
„Auswahl macht unglücklich.“ Diese Haltung passt gut zur Position des Nichtdenkenden. Denn Auswahl stachelt prinzipiell zur Stellungnahme an, erwartet eine Reaktion und begründete Wahl, die ja durchdacht gehört. Instinktiv spüren das die Nichtdenkenden, aber kommen zu diesem verkürzten Fazit, das sie wieder ins Nichtdenken zurückführt.
Treffen die Nichtdenkenden auf Denkende, werden sie über kurz oder lang Denkende als unbequem und belastend empfinden. Die Denkenden rütteln am Fundament der Nichtdenkenden durch permanentes Nachfragen, Diskutieren, Infragestellen und vor allem Forderung nach Begründung der Positionen, der verlangten Einordnung von Handlungen in einen über sich hinausgehenden ethischen, rationalen und damit gemeinschaftlichen Bezugsrahmen.

Nichtdenkende reagieren daher auf Forderungen zum eigenen Nachdenken mit Ablehnung und Ressentiments, indem sie dann ganz gern gesellschaftlich akzeptierte Lebensformen wie "Lebensunterhalt bestreiten", "praktisches Tun“ immer als gefühlt richtig in den Vordergrund stellen und schnell zur negativen Einschätzung des Denkenden kommen, weil er ja primär nachdenkt und unbequeme Fragen stellt und in der Folge als "inaktiv", „naiv“, „illusorisch“ oder „idealistisch“ oder gar „nicht lebensfähig“ eingestuft wird. Oder als alleinige Trotzhaltung kommt, ein Denkender sei nur „rhetorisch überlegen“, weil man sich ja keinesfalls Gründen stellen will, sondern gern Manipulationsversuche wittert. Das Hinterfragen ist in den Augen des Nichtdenkenden nichts wert, er klammert sich an die als „eigene Sache“ betrachteten eingefleischten Verhaltens-/Denkmuster.


Nichtdenkende: Sie tun, was sie tun
+ Sie können keinen Gedankengang formulieren, der über ihre als "richtig" geglaubte Fundierung hinausgeht (Gegenpositionen begreifen, Lebensentwürfe durchdenken, Konsequenzen durchleuchten). Sie richten sich häuslich in ihrem sozialen Wohlfühlnest ein und hinterfragen nicht kritisch ihre Basis und die anderer auf generelle Tragfähigkeit. Konsistentes und kohärentes Denken ist ihnen fremd.

+ Sie neigen zu immer wiederkehrenden Ritualen. Sie lesen und nutzen immer dieselben Quellen und befruchten sich weiter mit Nichtdenkenden. (Zeige mir deinen Browserverlauf, und ich sage dir, wer du bist). Auffällig: Sie fragen nicht nach und wollen keine Ratschläge.

+ Sie neigen entweder dazu, sich politische, philosophische und gesellschaftliche Grundsatzfragen erst gar nicht zu stellen oder halten sich für „politisch“, wenn sie sich einfach – in ihr unreflektiertes Weltbild passend – ihnen entsprechenden Gesinnungsgruppen zuwenden.
Durch Sozialisierung gemäßigte Nichtdenkende schwimmen gern im medialen mainstream mit: Begreifen sie sich als „sozial“, jubeln sie etwa hochgejubelte Personen ebenfalls hoch und verwechseln Politik und Ethik mit gesellschaftlich gerade gängigen Moralvorstellungen und reflexhaft als "gut" angenommenen Handlungen.
So setzen sie gern Politik und Ethik mit Gutmenschen-Aktivismus (mit Pseudobegründungen oder unreflektierten Statements wie "das ist doch sozial" und "das ist menschenfreundlich", "das ist gut") gleich, ohne den politischen Aktivismus auf die Prämissen und ethische Basis zu hinterfragen, ob er eine begründete Lösung für alle sein kann und darf, ob ein Eingriff in die Autonomie des Einzelnen und anderer Gesellschaften begründet gerechtfertigt ist.
Kurz, sie fragen nicht: Was müssen die Grundfesten eines funktionierenden Systems sein? Sie vergessen, dass prinzipiell der Konsens und die Zustimmung aller auf einer für alle einsichtigen, begründeten Basis Dreh- und Angelpunkt funktionierender Systeme sind. Sie wissen nicht, dass Politik das Ringen um grundsätzlich beste allgemein begründete und akzeptierte Formen des gemeinschaftlichen Zusammenlebens sind.

+ Sie sammeln Einzelergebnisse, Meinungen, Geschehnisse und halten dann inne. Sie betrachten Grundprobleme rein aus ihrer eigenen, als rein privat verstandenen Verstandortung heraus und versuchen nicht, begründete Grundhaltungen/Grundlösungen zu erarbeiten, die für eine Gemeinschaft ein tragfähiges Konzept sein könnten. Sie rekurrieren immer auf ihre Prägungen/Gesinnung (selbstreferentiell).

+ Sie neigen je nach Stimmung der einen oder anderen Position zu (vermeintliches Gutmenschentum, Rührung, Emotio, Stimmungs-/Meinungsmache zieht).

+ Sie lenken sich gern ab, damit sie nicht an der Basis denken müssen (Aktionismus, Süchte, Verlustierung nur für die Kurzweil und das Durchkommen im „Leben“, eine Neueinordnung und Standpunkthinterfragung entfällt).

+ Sie freuen sich nicht über andere Positionen, sondern versuchen immer, Andersdenkende abzukanzeln durch Verweis auf Utopie oder Bezugnahme auf Mehrheiten oder Plattitüden („das haben wir immer so gemacht“, „alle machen das so“, „so ist das Leben“, „so ist der Mensch“).

+ Sie neigen häufig zu Fehlschlüssen: zirkulären (die Prämisse enthält bereits die Konklusion) oder naturalistischen (aus einem Sein folgt ein Sollen). "Wenn etwas so ist, dann muss es auch so sein!"

+ Sie ziehen, wenn ihre Position infrage gestellt wird, die immer wieder gleichen, bereits vorher schon internalisierten Meinungen/Ergebnisse. Sie zeigen keinen Fortschritt, kommen immer wieder zur selben Conclusio.

+ Sie halten sich oft trotz ihrer Unfähigkeit zur Reflexion für „gute Menschen“.


"Vorteile"
+ Nichtdenkende sind prinzipiell zu allen kompatibel (zu anderen Nichtdenkenden sowieso, aber selbst am Anfang zu Denkenden, bis diese den Nichtdenkenden als Problem begriffen haben), da sie schnell oberflächlich an andere andocken.

+ Nichtdenkende gehen i.d.R. (sieht man von Schicksalsschlägen, Erkrankungen etc. ab), da ohne Nachdenken, einfacher durchs Leben. 

+ Nichtdenkende haben wie Religiöse immer einen schützenden Kokon durch ihre früh erfolgte internalisierte Prägung und fest zementierte, automatisierte Denkens-/Verhaltensmuster sowie durch das in der Gesellschaft und durch Gleichgesinnte gegebene Meinungsbild.


Fazit
Persönlichkeitsentwicklung durch aktiven Denkaustausch, gegenseitige Befruchtung, Suchen nach Gegenposition und Infragestellung des eigenen Standpunkts zugunsten allgemein akzeptabler Begründungen findet bei Nichtdenkenden nicht statt oder wird als lästig und unnütz empfunden. Inkonsistenz und Inkohärenz werden gar nicht erkannt oder als nicht problematisch angesehen.
Wer nicht aus dem Spiel der reinen Gepflogenheiten, Prägungen und vorherrschenden Denkmuster gedanklich ausbrechen kann, hat nicht mehr Wert als eine Ameise, die eben tut, was sie tut und qua Prägung handelt. Leben ist dann existieren und vegetieren.

Innehalten und nachdenken, ratlos sein, ringen um beste, verträgliche Lösungen, alternative Lebensentwürfen brauchen viel Zeit und hemmen den blinden Aktionismus. Da das aber gesellschaftlich als Versagen, Inaktivität und Nichtstun missverstanden wird, neigen Nichtdenkende gern zu Schnellschüssen, die ihnen die Gesellschaft so vorlebt.

Ein Leben außerhalb der vorgefertigten politischen, geschichtlich gewachsenen Strukturen ist für sie nicht vorstellbar (Man muss wählen gehen. Man muss sich anpassen. Man muss sich seinen Lebensunterhalt verdienen. (Das fügen vermeintlich politisch Denkende noch hinzu:) Man sollte sich "politisch", also in einer Partei oder einem Verband organisieren, "weil man das doch so tut". Er denkt, es ist "gut", irgend etwas als nichts zu tun. Das "irgend etwas" bezieht sich dann immer auf die Sozialisierung oder vorherrschende Meinungen des Nichtdenkenden. Die Interessen aller geraten aus dem Blick, nehmen dann blind übernommene (auch ideologische) Prägungen an.

Die Positionen des Nichtdenkenden sind geistig arm, sind durch undurchdachte, nicht reflektierte und diskutierte Positionen, sondern Meinungen, Sozialisierung und Gepflogenheiten entstanden (oft auch undurchdacht als per se positiv gewertete "Tradition").
Der Nichtdenkende vermag keine Außenperspektiven zu analysieren, grundlegende Denkstrukturen zu erkennen und Lösungsvorschläge über den gesteckten Denkrahmen hinaus zu erarbeiten – durch fehlende Übertragungsleistung wird er weder eine Bereicherung sein für den gesellschaftlichen Diskurs noch für die private Beziehung.